Jetzt ist mein Aufenthalt in Cusco schon um, aber vielleicht interessiert es den ein oder anderen ja doch noch, in was für einer Familie ich die sechs Monate gelebt habe.
Abuelita Visi:
Sie ist die Mutter meiner Gastmutter und schon über 90 Jahre alt. Da sie an starkem Rheuma leidet, kaum noch laufen kann, schlecht sieht und schlecht hört, hält sie sich fast ausschliesslich in ihrem Zimmer auf. Deshalb habe ich sie die ganze Zeit über auch nie wirklich kennen gelernt. Geistig ist sie wohl aber noch sehr wach, und weniger vergesslich als ihre eigene Tochter.
Señora Emmita:
Meine Gastmutter ist schon 64 Jahre alt und so ehrer eine Oma für mich. Ihre grosse Herzlichkeit und Führsorge tragen zu diesem Gefühl bei. Sie ist schon seit über 20 Jahren verwitwet und hat hart gearbeitet, um ihren drei Töchtern ein schönes Leben zu ermöglichen. Zwar ist sie schon seit vielen Jahren in Rente, sie war Lehrerin, aber auch noch heute arbeitet sie unglaublich viel. Fast immer sieht man sie beschäftigt in der Küche oder im sonstigen Haushalt. Um noch etwas hinzuzuverdienen, hat sie zum Beispiel zu Ostern mehrere Hundert Empanadas gebacken, die sie dann an Freunde und Verwandte verkauft hat. Auch hat sie schon unglaublich schöne Tischdecken und Servietten bestickt, um sie zu verkaufen. Obwohl sie dadurch oft sehr spät ins Bett geht, steht sie eigentlich immer um 6 Uhr morgens auf um das Frühstück und die Einkäufe zu machen. Die einzige Pause gönnt sie sich zu ihren Telenovelas. Um Punkt 20 Uhr lässt sie alles stehen und liegen, weil dann ihre Lieblingstelenovela anfängt. Immer wenn einer ihrer zahlreichen Freunde und Verwandten vorbeikommt, nimmt sie sich auch viel Zeit für sie und serviert ihnen Leckereien. Sie ist auch sehr gläubig und so geht sie wenn sie Zeit hat, zur Messe und engagiert sich in vielen Kirchenkreisen.
Lula:
Lula ist mit 34 Jahren eigentlich die älteste Tochter. Eigentlich, weil sie von sich selbst sagt, dass sie im Kopf noch 15 Jahre alt ist, was oft gut zutrifft. So ist sie zum Beispiel eine gnadenlose Partygängerin. Unter der Woche? Mehrmals hintereinander? Für Lula kein Problem! Dazu kommt sie immer erst morgens ziemlich betrunken nach Hause. Bei Cuba Libre kann sie einfach nicht widerstehen. Wenn es um irgendwelche Ausgaben und Preise geht, kommt von ihr immer die Anzahl der Cuba Libres, die man für dieses Geld kaufen könnte. Am Tag nach einer ausschweifenden Partynacht bekommt man sie kaum zu Gesicht, weil es ihr so schlecht geht und sie den Tag nur im Bett verbringt. Sobald aber einer ihrer Partyfreundinnen anruft, die noch verrückter sind, ist sie wieder topfit und bereit für die nächste Party. So kommt es, dass ihr Sohn Fabrizzio seinen nachtaktiven Fisch nach seiner Mutter benannt hat. Ausserdem hat Lula eine ausgesprochene Vorliebe für junge, hübsche Typen, von denen sie regelmässig schwärmt. Als ich einmal mit ihr in einem Taxi sass, schrie sie plötzlich: "¡Mira!" ("Schau!"), womit sie mich zu Tode erschrocken hat, weil ich gedacht habe, das Auto baue gleich einen Unfall. Aber das hätte sie wahrscheinlich nur halb so aufgebracht, wie die Grupper hübscher Kerle, die sie am Strassenrand erspät hat. Ausserdem ist sie ein absoluter Film- und Musikfilm. Sie bevorzugt Komödien, weil wenn ein Film auch nur eine Spur von traurig ist, ihr gleich die Tränen kommen. Ihre Lieblingsmusik ist Reaggeton, was absolute Partymusik ist.
Was ich an Lula auch noch mag, ist dass sie sehr begeisterungsfähig ist, fast alles "¡lindo!" (schön) findet und fast jeder ist gleich "muy buena gente" (ein toller Mensch) für sie. Passend zu ihrem lebendigen Charakter, bestitzt sie unglaublich viele bunte mit lustigen Motiven und Sprüchen bedruckte T-Shirts, sowie Crocks in allen Farben.
Wenn man das jetzt so liesst, kann man es kaum glauben, dass Lula doch tatsächlich studierte Buchhalterin ist! Im Moment arbeitet sie aber auftragsweise für ein Unternehmen aus Lima, wodurch sie viel Zeit hat fürs Fitnessstudio, Englischunterricht, den Haushalt und natürlich zum Feiern.
Karina:
Karina ist 33 Jahre alt und lebt seit 3 Jahren mit ihrem kanadischen Mann peruanischer Abstammung und ihrer kleine Tochter Daniela in Montreal, Kanada. Das ist für sie oft gar nicht so einfach, weil sie sehr an ihrer Familie hängt. So kommt sie so oft sie kann nach Peru und ruft täglich an. Oft um nach Rezepten zu fragen, weil Kochen überhaupt nicht ihr Ding ist. Dagegen wäscht, malt, stickt und dekoriert sie ausgesprochen gerne. Sie achtet sehr auf ihr Aussehen und das ihrer Tochter. So bringt sie jedesmal Unmengen von Gepäck mit, unter anderem einen Koffer für Kosmetikprodukte und einen für Daniela. Ihre Tochter ist fast ausschliesslich mit Tommy Hilfiger gekleidet, wo Karina arbeitet. Eigentlich hat sie aber Tourismus studiert, womit sie in Kanada aber leider nicht viel anfangen kann. Das klingt jetzt alles ziemlich oberflächlich, was aber gar nicht zu trifft. Sie ist wie alle aus ihrer Familie unglaublich, nett, herzlich und offen.
Emma:
Sie ist mit ihren 32 Jahren die Jüngste der drei Schwestern. Emma ist eine sehr fleissige, gewissenhafte und gute Anwältin. Leider muss sie aber sehr viel arbeiten. Fast täglich macht sie unbezahlte Überstunden, geht auch mal am Wochenende zur Arbeit und hat dazu im Jahr nur einen Monat Ferien, wenn überhaupt. Sie wirkt auch noch wesentlich jünger, bleibt am Wochenende im Gegensatz zu ihrer ältesten Schwester aber lieber zu Hause und schaut Novelas, Kochsendungen, Fashion-TV oder liest ihre geliebte Cosmopolitan. Für Lula ist sie so sehr langweilig, auch weil Emma kaum etwas trinkt. Da sie ganz gut verdient, noch zu Hause wohnt und kein Kind hat, kann sie sich unglaublich viele Klamotten und Kosmetikprodukte leisten. Manchmal wirkt sie wie Fabrizzios Mutter, weil sie oft viel strenger mit ihm ist als Lula. Fabri lässt sich davon aber nicht gross beeindrucken. Während Lula diejenige ist, mit der man viel Spass haben und super weggehen kann, kann ich mich mit Emma sehr gut unterhalten und wir sitzen nach dem Abendessen noch oft lange zusammen und reden über Jungs, Peru, Klamotten, ihre Arbeit... Sie ist wirkt zwar erstmal etwas schüchtern und zurückhaltend, aber sie redet auch gerne und viel und bringt mit ihrem Humor die Familie oft zum Lachen.
Fabrizzio:
Fabri ist Lulas 14-jähriger Sohn. Er ist zwar echt schlau, aber unglaublich faul. So sind ihm die Schule und der tägliche Englischkurs verhasst. Er widmet seine Zeit lieber seinem gigantischem Aquarium. Sobald er nur ein bischen Geld besitzt, kommen neue Steine, Pflanzen oder Fische hinzu. Vergeblich versucht er seine Faszination auf den Rest der Familie zu übertragen. Wenn man mit ihm redet, endet das Gespräch immer bei seinem Aquarium. Das macht er so penetrant, dass wir anderen, um ihn etwas aufzuziehen, oft einfach die Flucht ergreifen, wenn er wieder von seinen Fischen anfängt. Fast genauso wie sein Aquarium liebt er Musik der 80-er Jahre, vor allem aber YMCA, was ich jetzt fast auswendig kann. So entsteht im Wohnzimmer immer ein regelrechter Musikkrieg, weil der Rest der Familie lateinamerikanische Musik bevorzugt. Deshalb lässt er sich aber noch lange nicht von seinem etwas aussergewöhnlichen Musikgeschmack abbringen. Er tanzt auch mal gerne mit den Orginalschritten vor und stört sich nicht daran, dass seine Familie vor Lachem am Boden liegt. Fabri steh mit seiner jungen Mutter eher in einem geschwisterlichen Verhältnis. So ziehen sie sich gerne gegenseitig auf oder kloppen sich etwas. Sie laufen auch beide fast immer in ihren Crocks rum.Manchmal wirkt er aber auch wie ihr Vater, wenn er seine Mutter ermahnt, nicht so viel wegzugehen und nicht so viel zu trinken. Das widerum veranlasst Lula dazu, zu sagen er wirke wie ein Opa und sei todlangweilig. Es gibt aber auch Momente, in denen man merkt, dass Fabri Lulas Sohn ist. Er kommt nämlich oft an, um von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden oder um sie zu knuddeln.
Daniela:
Daniela ist Karinas Tochter und etwas älter als ein Jahr. Sie ist ein kleines, unglaublich süsses und sehr, sehr freches Pummelchen. Karina verzweifelt regelmässig an ihrer frechen Tochter. Daniela zieht mit Vorliebe die Tischdecken von gedeckten Tischen herunter, verteilt das Essen im ganzen Zimmer oder räumt Ladentheken ab. Wenn man dann mit ihr schimpft, strahlt sie einen nur an, und macht grad weiter.
Allesamt sind sie ungemein nett, herzlich und lustig. So sind die gemeinsamen Essen immer äusserst unterhaltsam, weil sie viele lustige Geschichten auf Lager haben, die sie lebendig zu erzählen wissen. Sie sagen mir immer, dass ich noch länger bleiben soll und wollen nicht, dass ich gehe. Oft fragen sie mich, wann ich denn wiederkomme, in mein cusqueñer Zuhause. So habe ich mich die ganze Zeit bei meiner Famile total wohl gefühlt und bin schon sehr lange traurig, sie so bald verlassen zu müssen. Ich werde sie einfach total vermissen!
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